Der falsche Entertainer

10. Dezember 2003

Wie bereits seit Tagen in verschiedenen Medien zu lesen ist, wird die Harald Schmidt Show auf Sat.1 im kommenden Jahr nicht fortgesetzt. Im Web wird auch schon fleißig dagegen protestiert (die Frage ist, ob ein Fernsehstar, der acht Jahre lang eine erfolgreiche Late-Night Show moderiert vielleicht mal eine Pause verdient hat).

Auf einem anderen Sender gibt es eine Abendshow, die zwar einmal richtig gut war, aber im Laufe der Zeit richtig schlecht geworden ist; vielleicht sollte lieber diese Show abgesetzt werden…

(Siehe auch hier, es gibt offensichtlich noch mehr schlechte Comedy-Shows)

6 Kommentare

  1. der beste Artikel dazu aus der letzten Zeit:

    Der Zeitverschwender

    Vor unseren Augen wandelte sich Harald Schmidt vom Typus zum Menschen. Jetzt beendet er seine Show und lässt uns mit platten TV-Routiniers allein

    Von Peter Kümmel

    Von dem Schriftsteller Maurice Maeterlinck stammt der Satz: „Der scheinbare Mensch, der wir sind, lebt auf dem wirklichen Menschen wie eine Fliege auf einem Schädel.“ Im deutschen Fernsehen gibt es niemanden, der diesen Satz so stolz verkörpert wie Harald Schmidt. Der Entertainer ist die Fliege, die den Schädel des Riesen umkrabbelt, auf der Suche nach einer Öffnung zum Geist, zum Gedächtnis. Und manchmal wirkt Schmidt, als habe er den Schädel des Riesen schon von innen gesehen.

    Vielleicht nennt man diesen Spaßmacher deshalb einen Kulturkritiker. Während er manisch die Oberflächen umschwirrt, zeigt er die Abwesenheit von „Kultur“, von „Erinnerung“ und „Tiefe“.

    Acht Jahre lang hat er das für einen Privatsender getan, der Tiefe nicht zu den wesentlichen Programmelementen zählt. Als bei Sat.1 Leo Kirch regierte, hat man Schmidt gehegt und begriffen, dass er das Gesicht des Senders ist. Dann kaufte ein amerikanischer Investor, Haim Saban, die ProSiebenSat.1 Media AG. Unter ihm steigerte sich die Konzerndynamik ins Zerstörerische. Führungskräfte wurden gefeuert, und am vergangenen Donnerstag erwischte es Martin Hoffmann, den Geschäftsführer von Sat.1, einen Freund Harald Schmidts. Noch am selben Abend schoss sich Schmidt in seiner Sendung auf Hoffmanns Nachfolger, den Schweizer Roger Schawinski ein, und in der Freitagsshow vernichtete er seinen neuen Chef symbolisch. Er las aus dessen literarischem Werk vor (Das Ego-Projekt – Lebenslust bis 100).

    In sonnigster Laune streute Schmidt da verbrannte Erde um seinen Schreibtisch. Am vergangenen Montag teilte er seinen Mitarbeitern und der Öffentlichkeit mit, er werde eine „Kreativpause“ einlegen. Am 23. Dezember läuft die letzte Harald Schmidt Show. Die Republik hat schon jetzt heftige Verlustgefühle.

    Denn wer bleibt uns als spätabendlicher Bildschirmgefährte? Einerseits Stefan „Das tote Gebiss“ Raab. Andererseits: Johannes B. Kerner, unser Premium-Schaulustiger, der geschmeidig Anteil nehmende Über-Nachbar aller Deutschen (Standardfrage: „Wie fühlten Sie sich, als Sie vom Tod Ihres Mannes/Kindes/Hundes erfuhren?“). Ein platter Zyniker und ein Marathonemphatiker. Alles in allem: fürchterliche Aussichten.

    Was verlieren wir, wenn wir Schmidt verlieren, den Mann, der mit uns acht Jahre älter geworden ist? Einen Gefährten. Eine Type, die über die Jahre hin Mensch wurde.

    Schmidt stirbt in seiner Show stellvertretend für uns, die wir uns vor dem großen sozialen Tod fürchten, tausend kleine Peinlichkeitstode (schlechte Witze, erotische Bekenntnisse, durchscheinende Neurosen, nichtssagende Gäste) und geht daraus stets als strahlender Überlebender hervor. Sein Spiel ist ein Echo aus den Zeiten, da auf den Jahrmärkten vor aller Augen faule Zähne gezogen und Strafen vollstreckt wurden: Hier steht ein Mann und stellt sich bloß. Er liebt Prangersituationen, er zeigt lüstern, was er nicht kann und was ihm zum Glück fehlt. Er stellt sich selbst als Hochstapler bloß, als, mit Samuel Beckett gesprochen, genialen Not-Canner. Selbst den großen sozialen Tod, die Freisetzung, den Rausschmiss, hat er nun selbst inszeniert, als Heldentod mit hoffentlich schneller Wiederauferstehung in einem anderen Sender.

    Acht Jahre Schmidt. Wir durften zusehen, wie er magerer, grauer und asketischer wurde, wie er seine Brille zirka 300000-mal ruckend auf dem Nasensattel justiert hat, wie er seine Lippen so lange dünn geknabbert hat, bis sein Gesicht etwas rührend Hutzelweibhaftes bekam. Wir haben ihm zugesehen, wie er Haken schlug, Breaks zelebrierte, Tonarten wechselte, den nicht zu Fassenden spielte. Oft wirkte er wie einer, der mit acht Keulen jonglierte, dann einen Schritt beiseite trat und die Keulen grinsend zu Boden prasseln ließ. Als könnte er jederzeit gehen, als könne er wirklich loslassen.

    Aber man sah ihm an, dass er Angst hatte. Ein Hypochonder, der im Studio Sendezeit verschwendet und privat um Lebenszeit kämpft mit Kuren und Therapien. Er wirkte wie ein Gefangener. Ein schwäbischer Asket saß in einem Kölner Studio, als ob er mit dem Geld, das er verdiente, 40000 Euro abendlich, nichts Besseres anzufangen wüsste. Ein analer Charakter, riefen die Freudiander. So hütete er seinen Reichtum und seine künstlerischen Möglichkeiten und ließ beide unangetastet. Er lebte nicht, er moderierte; er erzählte keine Geschichten, er erzählte nur von der Unmöglichkeit, Geschichten zu erzählen.

    Das Feuilleton preist Schmidt für seinen fahrlässigen Umgang mit der Zeit. Was in seiner Show geschieht, dafür prägten amerikanische Medienwissenschaftler einen Begriff: Time Porn, zu Deutsch Zeit-Pornografie. Gemeint ist: Wir beobachten Leute, die in Zeit sozusagen baden wie der pornografische Film in sexueller Ekstase – als stünde sie unerschöpflich zur Verfügung. Schmidt genießt die Zeitverschwendung wie eine endlose Lust.

    Carpe diem kann also nicht die Losung Harald Schmidts sein. Viel eher: Sitzen und sinnen, warten, was Bild und der nächste Tag anspülen. Dieser Mann und sein Quotenmaximierungssender haben nie zusammengepasst. Denn Schmidt will auf todessüchtige Weise das Gegenteil von dem, was Sat.1 verheißt: Er will nicht verkaufen, nicht bannen, nicht fesseln.

    In einem Stück des Dramatikers René Pollesch fällt ein Satz, der Schmidts Maxime sein könnte: „Hör auf, hier herumzubedienen!“ Schmidt wird magisch angezogen von der Leere, man könnte sagen: vom Quotenabgrund. In den beugt er sich trunken hinab. Seine Shows sind Annäherungen an den Stillstand, das Nichts, die Nacht, kurz: an den Moment, da es auch die eingeschworensten Zuschauer „draußen an den Geräten“ es nicht mehr aushalten und wegzappen.

    Die Sekunde zu bannen, bevor sie alle abschalten – das müsste für Schmidt die größte Lust sein. Aber Schmidt-Fans schalten nicht ab, weil sie sich am Quotenabgrund geborgen fühlen. Jene Abende, an denen wir dachten, wie kann er das wagen?!, werden am tiefsten in Erinnerung bleiben. Dass sie im Studio 449 zum Beispiel einmal eine halbe Stunde lang Radio, Fernsehen bei schwarzem Schirm gemacht haben, wird noch lange erzählt werden, und zwar auch von vielen, die die Sendung nicht gesehen haben. Mediale Leere, Sonnenfinsternis, vorübergehende Massenblindheit – die Harald Schmidt Show lebte von solchen Mut- und Treueproben, die einen Helden und sein Publikum zusammenschweißten.

    Von Siegfried Kracauer, dem großen Soziologen, stammt diese Beobachtung: „Im Lunapark wird abends mitunter eine bengalisch beleuchtete Wasserkunst vorgeführt. Immer neu geformte Strahlenbüschel fliehen rot, gelb, grün ins Dunkel. Ist die Pracht dahin, so zeigt sich, daß sie dem ärmlichen Knorpelgebilde einiger Röhrchen entfuhr. Die Wasserkunst gleicht dem Leben vieler Angestellter. Aus seiner Dürftigkeit rettet es sich in die Zerstreuung, läßt sich bengalisch beleuchten und löst sich, seines Ursprungs uneingedenk, in der nächtlichen Leere auf.“

    Schmidt hat nie verschleiert, dass es lauter ärmliche Knorpelgebilde sind, aus denen seine Zerstreuungskunst ersteht. Ja, man könnte sagen, er macht Knorpelkunst. Allerdings: mit welchen Fähigkeiten! Seine dauernde Anspielbereitschaft, seine Zuhörfähigkeit während des Sprechens, seine Übersicht, seine Fähigkeit zur abräumenden Groß- und Schlusspointe, seine Präzision im Aussieben von im Hinterkopf abregnenden Gags, seine allmähliche Wandlung vom schmutzigen Typen zum Entertainer-Schauspieler, all das ist einmalig. Eingebettet zwischen lauter Schablonen, ist da einer zum Charakter geworden.

    In der menschlichen Erfahrungswelt stehen sich Lust und Hass als einsame Gipfelpunkte gegenüber. Schmidt sitzt zwischen diesen Gipfeln in seinem trockenen Tal der Ironie und sagt, dass es Unfug sei, auf Gipfeln zu leben. So verkörpert er den aktuellen Common Sense: Funktionieren ja, handeln nicht. Warten ja, glauben nicht. Er lässt die Zeit gegen seinen Schreibtisch branden und pflückt sich von den Wellen die schmutzigsten Schaumkronen. Er fürchtet nichts, er hofft auf nichts, er spielt die schwäbisch-kölsche Variante des Diogenes, und soeben sagt er zu seinem Chef: Geh mir aus dem Licht, du verstellst mir den Blick auf Suzana (das ist die Frau, die ihm die Pappen mit seinen Stichwörtern hochhält).

    Nun macht er Pause. Er könnte sich endlich zu Hause die Aufzeichnungen seiner Sendungen ansehen, eine nach der anderen, die eigene Vergangenheit erforschend wie Samuel Becketts Bühnenfigur Krapp in Das letzte Band. Aber vermutlich wird er das lassen, aus Angst, endgültig verrückt zu werden. Uns Deutschen hingegen haben seine Sendungen kaum geschadet. Manche behaupten sogar, wir seien davon ein wenig vernünftiger geworden.

    Die Deutschen haben Verlustgefühle, wenn sie an Harald Schmidt denken. Seinen Abschied von Sat.1 betrauern sie wie den Untergang eines Helden. Sie hoffen auf baldige Auferstehung in einem anderen Sender

    © DIE ZEIT 11.12.2003 Nr.51

  2. Das letzte Mal als Schmidt ging, folgten 16 Jahre Kohl. Na dann prost…

  3. hab ich auch schon besser gelacht. Die 5 Jahre Gerd sind ja auch der Hammer, oder wie Meister Schmidt 1999 schon über den Gerd gesagt hat: „Von dem wird wohl nicht mehr viel kommen.“

  4. Mag sein. Es kommt aber nicht darauf an, worüber du lachst, sondern was in Zukunft eine ähnlich breitbandige Alternative zu Schmidt ist.

  5. Im Prinzip kommt es schon drauf an, worüber ich lache, und dass erreicht nur einer wie Schmidt, der darstellt dass er nichts kann, sein Scheitern an der Hochkultur zur Schau stellt und s.o. eine Art Time-Porn veranstaltet (gerade in unserer Zeit). Zu erkennen, dass dieses Prinzip durch ist und der Zeitpunkt richtig um was anderes zu machen ist ebenso genial wie die 8 Jahre Sendung zuvor.

  6. ach ja, übrigens, ein Scherz, der nicht so breitbandig ist, dass man darüber lacht, ist im Zweifel auch ein schlechter Scherz

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