Wenn die Architekten so arbeiten müssten wie die Software-Entwickler

Lieber Herr Architekt!

Bitte entwerfen und bauen Sie mir ein Haus. Ich bin nicht sicher, ob ich weiß, was ich brauche, handeln Sie also bitte nach Ihrem Ermessen.

Mein Haus sollte zwei bis fünfundvierzig Zimmer haben. Sorgen Sie für eine einfache Möglichkeit, Zimmer hinzuzufügen und zu entfernen. Ich werde entscheiden, was ich haben will, sobald Sie mir die Zeichnungen vorlegen. Also benötige ich auch einen Kostenvoranschlag für jede mögliche Konfiguration.

Bitte bedenken Sie, daß das Haus, das ich auswählen werde, billiger sein muß als das, in dem ich heute wohne. Natürlich erwarte ich, daß keine der Unzulänglichkeiten meiner jetzigen Bleibe in meinem Haus vorkommen (der Küchenboden vibriert, die Wände sind ungenügend isoliert).

Beim Entwurf sollten sie beachten, daß ich die jährlichen Unterhaltskosten minimal halten will. Dies bedeutet den Einbau von teueren Materialien wie Aluminium und Vinyl. (Wenn Sie sich gegen Aluminium entscheiden, so müssen Sie Ihren Entscheid detailliert begründen.)

Beim Entwurf sollten Sie die modernsten Techniken verwenden und beim Bau die neuesten Materialien berücksichtigen; ich will ein Vorzeigeobjekt für aktuellste Ideen. Ich muß Sie jedoch warnen: Die Küche muß so ausgelegt sein, daß neben anderen Dingen auch mein Gibson-Kühlschrank aus dem Jahre 1953 untergebracht werden kann.

Es soll für die ganze Familie das richtige Haus sein, deshalb nehmen Sie bitte mit allen unseren Kindern Kontakt auf. Auch meine Schwiegermutter wird sicher über unser zukünftiges Haus bestimmte Ansichten haben, weil sie uns mindestens einmal im Jahr besucht. Wägen Sie bitte alle Optionen sorgfältig ab, bevor Sie einen Entscheid treffen. Ich werde allerdings von meinem Recht Gebrauch machen, Ihre Entscheide umstoßen zu dürfen.

Die Details sind zu diesem Zeitpunkt uninteressant. Konzentrieren Sie sich auf die Übersichtspläne, damit ich mir ein Bild machen kann. Es hat keinen Sinn, schon jetzt die Farbe der Tapeten zu bestimmen. Eine nützliche Information für Sie: meine Frau liebt die blaue Farbe.

Mit den Handwerkern müssen Sie auch noch nicht verhandeln. Die erste Priorität haben die Pläne und Spezifikationen. Wenn ich diese gutgeheißen habe, erwarte ich allerdings, daß das Haus innerhalb von 48 Stunden unter Dach und Fach ist.

Obwohl Sie das Haus speziell für mich entwerfen, bedenken Sie, daß ich es früher oder später jemanden werde verkaufen müssen. Deshalb sollte es für einen weiten Kreis von potentiellen Käufern ansprechend sein. Bevor Sie die Pläne fertigstellen, sollten Sie sicherstellen, daß die Mehrheit der Bevölkerung unseres Gebiets das Haus schön findet.

Ich empfehle Ihnen, das Haus meines Nachbars anzuschauen, das voriges Jahr fertiggestellt wurde. Einige Dinge hätten wir auch gern, insbesondere das 75-Fuß-Schwimmbecken. Mit sorgfältigem Engineering gelingt es Ihnen ganz sicher, eins für uns zu bauen ohne jegliche Kostensteigerung.

Erstellen Sie bitte alle Zeichnungen. Echten Entwurf zu machen ist nicht notwendig, da die Zeichnungen nur für das Einholen von Angeboten benutzt werden. Ich mache Sie aber drauf aufmerksam, daß Sie für jegliche Kosten aufkommen müssen, die aus späteren Entwurfsänderungen resultieren.

Sie sind sicher begeistert, an solch einem interessanten Projekt arbeiten zu dürfen. Es ist nicht alltäglich, daß Sie mit den neuesten Materialien und Methoden arbeiten können und so viel Freiheit bei der Gestaltung haben. Melden Sie sich bitte so schnell wie möglich, damit wir Ihre vollständige Idee vom Haus anhand der fertigen Pläne diskutieren können.

P.S.: Meine Frau sagt mir gerade, daß sie mit den obigen Anweisungen nicht einverstanden ist. Es ist Ihre Aufgabe als Architekt, diese Differenzen zu bereinigen. Ich habe es in der Vergangenheit bereits mehrmals versucht, ohne Erfolg. Wenn Sie dies nicht schaffen. muß ich einen anderen Architekten suchen.

P.P.S.: Vielleicht brauche ich gar kein Haus, sondern einen Wohnwagen. Falls dem so ist, benachrichtigen Sie mich bitte umgehend.

IEEE Software Engineering Technical Committee Newsletter, Vol. 12 No. 1&2, pp. 60 (vom Internet, Autor unbekannt)