Die Zeitung und die Quetsch’n

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Über einen Orchester-Mailverteiler kam mir ein Zeitungsartikel über den Coupe Mondiale in Salzburg ins Postfach geflattert.

Unter dem Titel ”Bach und die Quetsch’n” berichtet Norbert Rief (DiePresse.com) über die Akkordeon-Weltmeisterschaft, über geringe Zuschauerzahlen und über Bachs wohltemperiertes Klavier auf dem Akkordeon (“Natürlich kann man das machen, aber man sollte es nicht”). Und über das Außenseiter-Dasein des Akkordeonisten, pardon, “Ziehharmonika-Spielers”, den Mangel an Auftrittsmöglichkeiten (“die Zahl der Skihütten ist begrenzt”), letztendlich natürlich allgemein über das Schunkel-Image des Instruments (“Man ist allerdings ständig versucht, zur Musik zu schunkeln, selbst wenn es Mozart ist.”).

Alles Mist, inkompetente Kritik eines ahnungslosen Journalisten?

Blicken wir kurz auf die “andere Seite”. Ja, mit einem Akkordeon kann man normalerweise nicht im Schulorchester mitmachen. Ja, auf Skihütten, von Alleinunterhaltern und von “französischen Problemsängern” wird das Akkordeon gespielt. Ja, beim Coupe Mondiale waren – leider – wirklich wenige Zuschauer (ich war einer davon und habe freiwillig 40 Euro für eine Tageskarte bezahlt, was dem Autor wohl unbegreiflich vorkommen muss). Ob man jeden Pop-Song für Akkordeon arrangieren muss, halte ich tatsächlich auch für fragwürdig, auch wenn meiner Meinung Adeles “Rolling in the Deep” durch das Akkordeon-Jazz-Arrangement einer Teilnehmerin der ”Senior Virtuoso Entertainment“-Kategorie deutlich an Qualität gewonnen hat.

Aber ernsthafte (bzw. ernsthaft unterhaltende) Musik auf dem Akkordeon? Der Ziehharmonika, die doch hauptsächlich als Schifferklavier und für die “Volkstümliche Hitparade” verwendet wird? (Und für Clowns, wenn man es mal kurz mit der Konzertina verwechselt) Derartige Vergleiche kennt jeder Akkordeonist. Als Teenager – wenn man denn mit dem Akkordeonunterricht so lange durchhält – hat man es wirklich schwer, sein Randgruppeninstrument gegen sportliche Fußballspieler, ernsthafte Pianisten und sexy Gitarristen (die mit Lagerfeuermusik oder Heavy Metal natürlich reihenweise Mädels abschleppen) zu verteidigen, gegen anmutiges Dressurreiten und andere coolere Hobbys.

Wer sich davon nicht beirren lässt und weitermacht, kann mit der Zeit immer mehr Zweifler überzeugen. Mit Anfang 30 auf dem Jahrgangstreffen hört man “Du spielst schon noch Akkordeon, oder? Respekt!”, und wenn die Arbeitskollegen dann doch mal zum Orchester-Konzert kommen um zu sehen, was der Kollege da angeblich seit 25 Jahren jeden Montagabend mit 30 anderen Ziehharmonikern macht, fällt spätestens am nächsten Tag der Satz “Wow, das hätte ich nicht gedacht, wie vielseitig das Akkordeon ist”. Ach was!

Vielleicht sind manche Stärken des Akkordeons auch gleichzeitig sein Problem. Natürlich kann man damit wunderbar Stimmungsmusik auf Skihütten spielen (der Konzertflügel passt ja leider nicht in den Sessellift und auf der Stradivari klingt der “Anton aus Tirol” auch etwas einstimmig). Ein Alleinunterhalter muss nicht seine Hammond-Orgel in den Kofferraum wuchten, um beim 70. Geburtstag Tanzmusik zu spielen. Und natürlich wird damit Volks- und volkstümliche Musik gemacht, das ist auch gut so und wichtiger Teil unserer Kultur. Aber eben auch ernste Musik (originale und transkribierte), Jazz, Weltmusik, Rock und Pop sind damit möglich, allein, mit anderen, sogar als ganzes Orchester, als Freizeitbeschäftigung und auch professionell und virtuos mit jahrelanger Ausbildung und eindrucksvollem technischen und musikalischen Geschick. Genau das ist die Vielseitigkeit unseres Instruments. Kann man alles machen. Muss man nicht. Kann man aber.

Der besagte Artikel ist sicher keine journalistische Meisterleistung, weder als Satire erkennbar, noch als differenzierte und unabhängige Berichterstattung über den CIA Coupe Mondiale. Er zeigt vielmehr, dass es immernoch Menschen gibt, an denen die Entwicklung des Akkordeons über die letzten 10, 20, 100 Jahre völlig vorbeigeht. Hier ist also noch viel zu tun.

Es bleibt dem Leser überlassen zu beurteilen, ob ein Autor einer großen Zeitung einen derartig respektlosen und uninformierten (oder einfach nur persönlich frustrierten?) Artikel veröffentlichen sollte. Vermutlich liegen die journalistischen Stärken in anderen Themengebieten – in Betriebswirtschaft oder Logik scheinbar aber ebenfalls nicht, denn, Zitat: “wer sich wundert, dass es so viele Akkordeonspieler gibt: Allein in Österreich werden pro Jahr etwa 20.000 Harmonikas produziert!”

Online-Version des Artikels: Bach und die Quetschn (Die Presse, 31.10.2014)